LEBEN JENSEITS DES HORIZONTS – von Yurii Poimanov & Jurij Diez

In Deutschland leben fast 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Mehr als drei Millionen Personen sind Deutsche aus Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion, die als (Spät-)Aussiedler in ihre historische Heimat Deutschland zurückgekehrt sind.

Viele Menschen mit russlanddeutschen Wurzeln haben sich auf den Weg gemacht, aber nicht alle sind auch angekommen! Oft über mehrere Generationen hinweg verbindet sie die Suche nach ihrer Identität. Die Betroffenen haben oft das Gefühl, entwurzelt, nicht zugehörig und ausgegrenzt zu sein.

Leben jenseits des Horizonts basiert auf wahren Begebenheiten und Erlebnissen von Russlanddeutschen, die als Zeitzeugen interviewt wurden.

 

Inhalt

1939 – 1990: Erzählt wird die Geschichte zweier Brüder aus einer bereits im 18. Jahrhundert in die Ukraine ausgewanderten Familie deutscher Kolonisten. Der Vater, von dem die Familie viele Jahre nichts gehört hat, ist nach Kanada aufgebrochen. Ausgelöst vom 2. Weltkrieg und den Deportationen der Russlanddeutschen in der Sowjetunion (28. August 1941), trennen sich die Wege der beiden Brüder. Der Ältere ist überzeugt, dass die deutschen Vorfahren es versäumt haben, sich zu assimilieren, und aus diesem Grund zu ewig Fremden in Russland wurden. Der Jüngere hingegen hält an seiner deutschen Identität fest. Beide versuchen auf ihre Weise, der Entwurzelung entgegen zu wirken: der ältere Bruder geht freiwillig in die sowjetische Armee und meldet sich zum Fronteinsatz, der jüngere meldet sich zur militärischen Ausbildung an, ihn verschlägt es schließlich zur Waffen-SS.

Bei Kriegsausbruch fordert die Mutter den Söhnen ein Versprechen ab: Egal, welches Glück oder Unglück ihnen im Leben zustoßen mag, sollen sie ihr Briefe schreiben: „Es gibt keine Briefe, die eine Mutter nicht erreichen…“

Die Briefe der Söhne an die Mutter bilden das Kernstück des Stücks, auch wenn einige aufgrund der Kriegswirren nur in Gedanken formuliert, nie abgeschickt, nie angekommen oder nie gelesen wurden. „Was soll ich tun, Mama?“ ist eine wiederkehrende Frage der Brüder, die nie beantwortet wird. 1942 wird die Mutter an die Arbeitsfront nach Deutschland geschickt und 1945 während des Bombenangriffs der Alliierten auf Dresden getötet. Vom Tod der Mutter erfahren die Söhne erst viel später.

Von den Nazis als „deutsche Zigeuner“ und von den Sowjets als „Feind und Verräter“ abgeurteilt, finden beide Brüder weder Zugehörigkeit noch Akzeptanz und sind den Fronten der Kriegsgegner – auch nach Kriegsende – schutzlos ausgeliefert. In der Sowjetunion als Deutschstämmiger verbannt und in Deutschland als Russe diskriminiert, entscheidet sich der ältere Bruder nach dem Krieg für ein Leben unter falschem Namen in Kasachstan, wo er bei den deportierten Russlanddeutschen vergeblich eine Heimat sucht. Der jüngere Bruder entscheidet sich für ein Leben in Chile, wohin zahlreiche ehemalige Nazis geflohen sind, und lebt unter falschem Namen in einer elenden Wohnung des Auswandererbezirks Santiago. Erst 1990 kreuzen sich ihre Lebenswege wieder. Von einem Rechtsanwalt erhalten Sie Nachricht vom mittlerweile verstorbenen Vater, der ihnen sein Vermögen vererbt hat…

 

Zielsetzung

Die Inszenierung setzt sich mit der leidvollen, wenig bekannten Geschichte der Russlanddeutschen auseinander und soll einen aktiven Austausch zwischen noch lebenden Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts und der jüngeren Generation fördern. Der dargebotene Stoff ist ein Beitrag zur aktuellen Diskussion über (Vor-)Urteile, aber auch zur Thematik der generationsübergreifenden Traumaweitergabe der Kriegsgeneration und von (Spät-)Aussiedlern an ihre Kinder und Kindeskinder.

Zahllose Menschen befinden sich auch heute auf der Flucht vor Kriegen und Gewalt. Auch diese Generation wird ihre Traumata und das Gefühl von Heimatlosigkeit an die Kinder weitergeben… Somit kann das Stück Leben jenseits des Horizonts auch einen Blickwinkel auf die migrationspolitischen Entwicklungen darstellen.

 

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Mit: Jurij Diez, Adrian Castilla, Anna Kuzmenko

Regie: Jurij Diez
Regieassistenz: Valentin Walch
Dramaturgie: Katrin Kazubko

Musik / Ton: Rupert Bopp
Videodesign: Wolf Hampich
Technik + Licht: Hermann Hübner & Wolf Markgraf
Grafik: Alejandro Calderon
Fotografie: Mario Steigerwald
Video / Schnitt-Interviews: David Recher
Öffentlichkeitsarbeit: Ayna Steigerwald, Susa Heck

Produzenten: Dietmar Höss – Rationaltheater München e.V. und Jurij Diez – im Auftrag des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland.
Produktionsassistenz: Marile Glöcklhofer

Diez und Poimanov, die schon lange in Deutschland leben, kennen diese innere Zerrissenheit, haben ihre Kindheit noch in Russland verbracht. Grund genug, sich bei der gemeinsamen Arbeit an dem Stück nicht in der Fiktion zu verlieren, sondern auf wahre Begebenheiten und Erlebnisse von Russlanddeutschen zu setzen.

(Süddeutsche Zeitung, 30.09.20)

Termine
DI 29. Sept. – UA/Premiere / AUSVERKAUFT
MI 30. Sept.
DO 01. Okt.
FR 02. Okt. – AUSVERKAUFT

MI 14. Okt. – AUSVERKAUFT
DO 15. Okt. – AUSVERKAUFT
FR 16. Okt. – AUSVERKAUFT
SA 17. Okt. – AUSVERKAUFT

Aufgrund der aktuellen Situation können wir LEBEN JENSEITS DES HORIZONTS nicht in den Räumlichkeiten des Rationaltheaters spielen. Umso mehr freuen wir uns, dass wir auf der Studiobühne der TWM zu Gast sein dürfen. Für die freundliche Unterstützung bedanken wir uns bei der Studiobühne und der Ludwig-Maximilians-Universität München. https://www.studiobühne.com

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80331 München

 

Eine Produktion des Rationaltheater München e.V. und des 

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